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Wie zugänglich sind die Räume hier? Gibt es Barrieren, die nicht baulich sind sondern die durch die unachtsame Nutzung entstanden sind? Abgeschlossene Türen? Zugestellte Toiletten? Wann hast du das letzte Mal etwas nicht machen können, weil andere es dir nicht zutrauen? Jessica erlebt als Rollstuhlnutzerin in Berlin unterschiedliche Umgänge mit ihrer Behinderung. Im Alltag belastet sie vor allem die schlechte Verfügbarkeit von barrierefreien Toiletten.
Ich bin Jessica. 27 und ich komme ursprünglich aus einer Kleinstadt in Hessen. Aber jetzt, seit vier Jahren lebe ich in Berlin. Und hier habe ich auf jeden Fall noch mal als Rollstuhlnutzerin eine ganz andere Erfahrung mit dem Thema Barrierefreiheit gemacht. Was nicht daran liegt, dass Berlin von seinen baulichen Begebenheiten so viel barrierefreier ist als die Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Wahrscheinlich sogar eher das Gegenteil. Aber trotz der vielen für mich nicht zugänglichen Gebäude würde ich sagen, dass die Leute mir einfach eine gewisse Art von Barrierefreiheit beigebracht haben, die ich so nicht kannte, weil ich einfach der Meinung bin, dass ich bisher erlebt habe, dass viele Dinge viel selbstverständlicher sind, man Dinge auch viel normaler wahrnehmen kann. Auch wenn man jetzt nicht jeden Tag mit Behinderten beispielsweise zu tun hat. Also, um ein Beispiel zu nennen: Mir passiert es durchaus auch mal, dass ich aus dem Rollstuhl falle oder so, weil ich einfach nicht ordentlich genug auf den Weg vor mir geguckt habe und dann eben doch eine Barriere übersehen habe. Was aber, wenn mir das in Berlin passiert, nicht das Problem ist, weil die Leute einfach mir ganz kurz helfen ohne ein großes Ding draus zu machen, und dann einfach weitergehen. Also die geben mir nicht wie in anderen kleineren Städten das Gefühl, dass ich sie jetzt noch auf einen Kaffee einladen muss oder dass sie mich ins Krankenhaus fahren wollen oder so, sondern die machen einfach ihr Ding. Also wahrscheinlich fällt mir am meisten wie wahrscheinlich den meisten Leuten auf, wenn Dinge halt nicht funktionieren. Wenn Dinge nerven. Wenn man sich denkt: da hat doch jemand wieder nicht nicht zu Ende gedacht. Wenn irgendwas vielleicht maximal gut gemeint ist, aber vielleicht noch nicht mal das. Oder wenn man merkt, man wurde einfach komplett vergessen. Also wenn man jetzt mal alle Räume ausblendet, in die ich gar nicht erst reinkomme, dann bleibt ja schon echt nur noch wenig übrig. Und wenn man dann auch noch guckt wie barrierefrei ist das tatsächlich. Also Auch in Form von barrierefreien, sauberen Toiletten und irgendwie Theken, an die ich rankomme, oder Regale, an die ich rankomme oder so. Wenn man das alles mit berücksichtigt, dann ist wahrscheinlich außer meine Wohnung, an der ich auch noch echt arbeiten muss!, nicht ein Raum barrierefrei oder wirklich gut erlebbar für mich.
Also Locations dürfen sich durchaus auch barrierefrei nennen, wenn sie einfach nur einen stufenlosen Zugang haben. Was halt ganz, ganz viele Barrieren komplett außer Acht lässt. Ich glaube, dass das Thema Toiletten einfach das ist, was mit dem größten Pain (Schmerz) verbunden ist. Weil wenn ich darüber nachdenke, wie oft ich wirklich schon richtig Schmerzen hatte, wenn ich dann zu Hause endlich auf Toilette gekommen bin, dann ist es einfach mit keinem Mal, wo ich irgendwie das Produkt im Supermarkt nicht gekauft habe, weil ich nicht rangekommen bin oder keine Ahnung, 5 minuten gebraucht habe, bis ich den Barkeeper auf mich aufmerksam gemacht habe oder so, zu vergleichen. Weil nichts davon auch mit so einem körperlichen Schmerz dann auch im Nachhinein verbunden war. Es gibt einfach unglaublich wenig öffentliche Räume, die dann tatsächlich mit guten barrierefreien Toiletten ausgestattet sind. Und wenn das der Fall ist, dann sind ja selbst die häufig zweckentfremdet, durch Abstellräume ersetzt, oder so. Wo man dann wirklich, obwohl der Raum vorhanden ist, obwohl den irgendwann mal jemand eingeplant hat für dich, trotzdem darum kämpfen muss, den benutzen zu können, was einfach unglaublich lästig ist! Gleichzeitig bin ich es aber auch so gewohnt, dass ich nicht davon ausgehen kann, dass dieser Raum für mich zur Verfügung steht. Sodass ich, wenn ich irgendwo mich treffen will, mit Freund:innen oder so, in der Regel im Vorfeld gucke: wo ist die nächste barrierefreie Toilette? Dass ich in Restaurants anrufe und frage: Wie sind da vor Ort die Gegebenheiten? Dass ich selbst dann immer noch ein bisschen damit rechnen muss, dass die Person am Telefon trotzdem keine Ahnung hatte und ich dann vor Ort was anderes erleben darf.
In so Situationen, wo ich dann halt irgendwie vor der Toilette stehe und wieder zurück muss, um irgendwie die Schüssel zu holen oder, die Toilette eben vollgestellt ist, dann bin ich natürlich mega genervt, gerade weil ich auch einfach auf Toilette muss und ein dringend zu erfüllendes Bedürfnis habe. Also vor kurzem erst war ich wieder in einem Restaurant, was an einem Hotel angebunden war und ähm, dieses Restaurant hatte dann auch eine barrierefreie Toilette, wovon man meistens ausgehen kann, wenn sie dann auch an ein Hotel angebunden sind. Nicht immer, aber es ist schon auf jeden Fall wahrscheinlicher. Ja nachdem ich dann nachgefragt habe, wurde mir auch eine barrierefreie Toilette aufgeschlossen, in der ich dann festgestellt habe, dass sie wahrscheinlich aus Vorschriftsgründen einen gewissen Raum haben musste. Also das heißt, dieser Raum war ziemlich groß. Weil die eben auch bedenken müssen, dass man eben einen Wendekreis braucht. Für große Rollstühle muss das irgendwie funktionieren und so. Dieses Hotel allerdings hatte sich gedacht, wir stellen da einfach mehrere große Regale rein und machen unser halbes Getränkelager in die Toilette. Ähm, und das hat mich wütend gemacht. Nicht, weil die Toilette in dem Moment nicht für mich funktional war. Sie funktionierte für mich. Ich brauch da nicht so viel Platz. Aber ich weiß, dass es einfach Leute gibt, für die das richtig kacke ist und für die das dann einfach eine Barriere ist in eigentlicher Barrierefreiheit. Da wurden einfach bewusst oder unbewusst Barrieren reingebaut. Ich hab dann da auch einfach ne Wut entwickelt gegenüber diesen Leuten und dachte mir: Naja, das werden Sie ja bestimmt nicht in ihren anderen Toiletten machen, dass sie da ihre Getränke lagern. Da würden ja ständig Getränke fehlen. Also das habe ich noch nie erlebt, dass auf Damen oder auf einer Herrentoilette einfach die Getränkekisten standen. Und dann dachte ich aber auch darüber nach: Wie naiv von denen eigentlich zu glauben, Behinderte machen so was nicht. Also habe ich das mitgenommen, was am teuersten aussah. Ein Likör. Am Ende war er leider nicht so teuer. Aber ich hätte auch mehr mitgenommen, wenn ich eine größere Tasche dabei gehabt hätte. Ich glaube, am meisten hilft, auch wenn das jetzt so plump klingt, aber am meisten hilft, irgendwie mitzudenken, sich irgendwie auf andere Perspektiven einzulassen. Auch mal – gar nicht mal so sehr bezogen natürlich auf Barrierefreiheit im Sinne von Mobilitätseinschränkungen, Rollstuhl oder so – , sondern ich glaube einfach in Bezug auf jedes Diversiäts-Merkmal, was irgendwie in unserer Gesellschaft rumläuft. Und im Zweifel halt Fragen. Ich erlebe das immer wieder, dass Leute wirklich mit Fragen auf mich zukommen, wofür ich dann zwar sehr dankbar bin, aber wo ich einfach merke: Okay, die haben diese Frage schon seit Jahren am Kopf, also wirklich seit Jahren, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten. Es gibt ja dieses „Barrieren in den Köpfen“-Thema, wo man ja gar nicht wirklich von Barrieren sprechen kann, sondern einfach von Nichtwissen. Und es ist auch okay, Dinge nicht zu wissen, mit denen man noch nie in Berührung gekommen ist. Aber solange man halt offen ist für die Berührung oder die Begegnung oder so. Auch ich weiß ja über ganz, ganz viele Behinderungen gar nichts bis kaum was. Ähm, ich kann nicht für Menschen, also für blinde Menschen beispielsweise, sprechen. Da weiß ich einfach viel zu wenig drüber, auch wenn ich blinde Menschen kenne. Aber ja, über so ein barrierefreies PDF Dokument geht mein Wissen dann halt auch nicht hinaus. Alleine deswegen glaube ich, es ist wichtig über über Unterschiede zu sprechen, weil ich glaube, es gibt dann doch eben sehr viele Menschen, für die diese Unterschiede nicht klar sind. Und gerade wenn wir über Bereiche sprechen wie Architektur oder aber auch andere Bereiche, wie zum Beispiel die Medienlandschaft oder einfach alle Bereiche, in denen wir Leute in Positionen haben, die in der Lage sind, über andere zu entscheiden. Also sei es jetzt: Ich baue Gebäude, ich mache einen Film, ich schreibe einen Lehrplan. Es ist einfach wichtig, dass diese Leute mit diesen Themen in Berührung kommen, vor allem natürlich auch für diejenigen, die nicht losgehen und sich diese Informationen beschaffen, sondern die sie, wenn überhaupt, nur nebenbei mitkriegen. Also wahrscheinlich ist es für die sogar am wichtigsten, dass wir solche Unterschiede immer wiederholen, bis es irgendwann auch beim Letzten angekommen ist.